Tiger Woods bei British Open

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„Expect the Unexpected“, warnen diejenigen, die sich in der Historie der British Open und speziell bei den zehn bisher bereits im Royal Lytham and St. Annes ausgetragenen Auflagen des Traditionsturniers auskennen.Von den negativen Folgen dieser unvorhersehbaren Ereignisse weiß vor allem Ian Woosnam ein Liedchen zu singen.

Der lag vor elf Jahren bei der letzten Austragung der British Open im Royal Lytham and St. Annes auf Siegkurs, bis ihm am zweiten Loch der Schlussrunde plötzlich sein Caddie Miles Byrne auf die Schulter klopfte. „Du rastest sicher gleich aus, aber…“, setzte er laut telegraph.co.uk kleinlaut an und beichtete dem entsetzten Woosnam die Ursünde aller Caddies.

Byrne hatte nämlich vergessen einen neuen Driver, den sein Chef kurz vor dem ersten Abschlag noch auf der Range getestet hatte, vor Rundenstart auch wieder aus dem Bag zu nehmen, das daher 15 statt der erlaubten 14 Schläger enthielt. Woosnam war außer sich. „Du hast nur diese einzige verdammte Aufgabe und das kommt dabei raus“, schimpfte der Waliser, den die zwei Strafschläge für den Regelverstoß letztlich aller Siegchancen beraubten, ihn auch die Ryder Cup-Qualifikation 2001 kosteten und einen regelrechten Karriereknick verursachten.

Turniersiege konnte Woosnam danach keine mehr feiern. Das Turnier 2001 gewann am Ende David Duval – auch dank eines Super-Schlags mit dem Eisen 6 aus dem tiefen Rough der 15. Bahn, der ihm ein wichtiges Par rettete.

Ballesteros traf alles, nur nicht die Fairways

„Schlag den Ball an die richtige Stelle und der Weg zum Loch ist frei, aber schlägst du an die falsche Stelle, wirst du bestraft“, hatte einst der Golf-Publizist und Enkel von Charles Darwin, Bernard Darwin, die Gewinn-Formel für den Platz im Royal Lytham and St. Annes auf den Punkt gebracht. Doch wie das Beispiel Woosnams beweist, reicht das eben nicht immer aus.

Und man muss auch nicht immer unbedingt die schmalen Fairways treffen, um die tückischen Roughs, die Tiger Woods in diesem Jahr nach ersten Trainingseindrücken als „beinahe unspielbar“ bezeichnet hatte, und insgesamt 206 tiefen Bunker des Kurses zu umgehen. Das bewies Severiano Ballesteros 1979 an gleicher Stelle auf dem seitdem kaum veränderten Platz bei seinem ersten The Open-Triumph. Der Spanier war buchstäblich dahin gegangen, wo noch nie ein Golfer vor ihm war. Seve traf alles, nur nicht die Fairways, rettete sich aber so stark aus fast aussichtslosen Lagen, dass er am Ende trotzdem den Sieg einfuhr.

„Er entschied sich nicht auf dem eigentlichen Kurs zu spielen, sondern wählte seinen eigenen, der aus Heufeldern, Parkplätzen, der Tribüne, Drop Zones und sogar Frauenklamotten bestand“, erklärte der damalige Chairman des Championship-Kommitees, Colin Maclaine, bei der Siegerehrung. Was es mit den „Frauenklamotten“ auf sich hatte, ist leider nicht gesichert überliefert, dafür aber Ballesteros Schlag, mit dem er vom Parkplatz aus doch noch das 16. Grün traf und den Grundstein für den Sieg legte.

Bobby Jones musste zahlen, dann durfte er gewinnen

Es war ein ebensolcher Wunderschlag, wie er dem legendären Bobby Jones gelungen war, als er sich 1926 vom bisher dahin mit ihm an der Spitze liegenden Al Watrous hatte absetzen können. Aus einer ungünstigen Lage auf sehr sandiger Fläche, von der aus er die Fahne überhaupt nicht hatte sehen können, hatte Jones den Ball mit traumwandlerischer Sicherheit auf das Grün gespielt und rettete das Par, während sein entnervter Flightpartner drei Putts brauchte und entscheidenden Boden verlor.

Kurios war aber nicht nur der Schlag von Jones, sondern auch die Vorgeschichte, die sich unmittelbar vor der Schlussrunde zugetragen hatte. Da Jones seine Spieler-Akkreditierung im Hotel vergessen hatte, hatten ihm die überkorrekten Ordner nämlich den Zutritt zur Anlage verwehrt und ließen ihn erst durch, nachdem er den korrekten Eintrittspreis für den Tag bezahlt hatte. Jones ist damit bis heute der einzige Major-Sieger, der für seine Siegrunde bezahlen musste. Zumindest davor sollte Tiger Woods gefeit sein.

Trotzdem muss er im Royal Lytham and St. Annes mit allem rechnen. Ein vierter The Open-Titel, der gleichzeitig der 15. Majorerfolg seiner Karriere wäre, ist ebenso möglich wie die Rückkehr an Weltranglistenposition Nummer eins. Durch bereits drei Turniersiege in dieser Saison hat sich Woods dafür in eine glänzende Ausgangsposition gebracht. Er müsste die British Open gewinnen, Luke Donald dürfte maximal Vierter werden.

Wenn es so käme, würde es ihn „nicht überraschen“, erklärte Woods selbstbewusst. Aber überraschen lassen, sollte man sich im Royal Lytham and St. Annes ohnehin von gar nichts.